Wissensaufstockung statt Selbstzufriedenheit
Die
Selbstzufriedenen, die es leider tatsächlich gibt, lassen sich mit der
Erkenntnis abspeisen, dass die Grossverteiler das Gros des Umsatzes bringen
und sehr mächtig und sehr eigenwillig sein. Vielleicht haben sie auch davon
Wind bekommen, dass heute die Grossverteiler die Markenartikler das Fürchten
lehren und nicht wie in idyllischen Nachkriegszeiten umgekehrt.
Dieses Wissen nun
ist so unangreifbar und ungefähr auch so aktuell wie die
Grundsätze
des verewigten Gottlieb Duttweiler. Aber das Unübersehbare, das
sich
inzwischen getan hat, nimmt man lieber nicht zur Kenntnis. Und die
grosse
Funktion der Werbeleute in diesem Umfeld wird gar nicht erst erkannt,
nämlich
dass sie die Aussendienstler des Produzenten motivieren.
Hier richtet
sich die berühmte "Reklame" erstens nach innen an die eigenen
Leute. Sie richtet sich zweitens nach aussen an den Handel, der das Gefühl
braucht (ob gerechtfertigt oder nicht, ist Nebensache), der Hersteller bringe
Kunden ins Haus, und tatsächlich richtet sie sich drittens
und letztens an
den Endverbraucher. Wir Werber reden also vom Amtes
wegen nicht nur zum
Fenster hinaus, sondern wir gehen gewissermassen
auch nach hinten los.
Was die angesprochene vornehme Distanz betrifft,
haben wir Nahkämpfer in den
letzten Jahren mit Genugtuung an
der eigenen Haut erfahren, dass die
Grossverteiler nicht allein
eigenes Marketing machen, sondern auch daraus
gelernt haben: Sie
erkennen inzwischen, dass reiner Preiskampf nicht mehr
viel bringt.
Die sogenannte Verbraucherin erwartet inzwischen überall
Sonderangebote
- irgendwer machts immer irgendwo vorübergehend billiger. Vom
schädlichen
Ruf dieser Art "Marketing" abgesehen: Keiner kann mehr auf die
Dauer der Billigste sein, weil es inzwischen jeder manchmal kann.
Das Ergebnis bei den Grossverteilern ist, dass sie zwar immer noch auf Preise
und Konditionen aus sind. Aber nicht nur darauf. Ihr neues Marketingwissen
hat ihnen gezeigt, dass jede Profilierung heute auf andere Mittel angewiesen
ist. (Da bieten sich Ansatzpunkte zu Partnerprogrammen.) Peter Kaufmanns
legendäre "Kauferlebnisse" bei Globus haben den Erfinder zwar nicht im Amt
halten können, und die Stapelwaren Regale mögen weniger aufregend als
Modeboutiquen sein, aber die Grundidee erweist sich immer mehr als
goldrichtig.
Waren
als Teil der Kultur
Die englische Anthropologin Mary Douglas
sagt in ihrem Buch "Die Welt der
Güter": "Anstatt
anzunehmen, dass Güter vornehmlich dem Lebensunterhalt und
dem
Wettstreit der Prahler dienen, unterstellen wir lieber, sie würden
benötigt,
um die Kategorien der Kultur sichtbar und stabil werden zu lassen.
Jeder
Ethnograph geht davon aus, dass alle materiellen Gegenstände des
Besitzes
Träger gesellschaftlicher Bedeutung sind.
Der materielle Besitz eines Stammes gewährt Nahrung und
Schutz und muss auch
so verstanden werden. Es ist aber ebenfalls
offensichtlich, dass die Güter
einen weiteren wichtigen Nutzen
bieten: sie errichten und unterhalten
gesellschaftliche Beziehungen.
Dieser Ansatz zum Verstehen des materiellen
Aspektes von Dasein
gewährt eine viel reichere Einsicht in gesellschaftliche
Bedeutungen
als etwaiger nackter individueller Konkurrenzgeist ... Wenn es
heisst,
die wesentliche Funktion der Sprache sei diejenige als "Träger der
Dichtung", wollen wir unterstellen, dass die Hauptaufgabe des Verbrauchs die
Fähigkeit ist, einen Sinn zu ergeben. Vergessen wir, dass Waren als Nahrung,
Bekleidung und Behausung dienen. Vergessen wir ihre Nützlichkeit und
probieren wir stattdessen die Vorstellung, dass Waren Güter der sichtbare
Teil der Kultur sind."
Sie sind daher auch ein Bestandteil jenes Vorgangs, den ich immer wieder gern
als "Animation" oder "Beseelung des Publikums" anspreche etwas, wofür
"Marketing" nur ein schmutziges Fremdwort ist.
Wie gesagt, die besten Leute bei den Verteilern fangen an, dies einzusehen,
und es ist an uns von der Angebotsseite, sie nach Kräften dabei zu
unterstützen. Tun wir das richtig, so sind wir in den Konzernhochburgen gern
gesehen, können massgeschneiderte, abgestimmte Programme einbringen und
vielleicht sogar manchmal unser Zeugs in die Regale.
Was gibt es nun zu machen?