Gerd Arthur Haisch

Königsdisziplin

Verkaufsförderung

Fachtexte zu Marketing, Werbung und Verkauf

 

Wie man mit Verkaufsaktionen müden Kunden Beine macht

 
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9-2009

H i n w e i s

Dies ist Seite vier der gänzlich überarbeiteten, laufend aktualisierten und erweiterten Webversion des Standardwerks „Verkaufsförderung kreativ“, erschienen in der Reihe Management heute, Orell Füssli Verlag, Zürich, Schweiz, ISBN 3-280-023386

Alleiniges Copyright und sämtliche Nutzungsrechte liegen beim Autor Gerd Arthur Haisch, die Nutzung der vorliegenden Fachtexte ist bei Quellenangabe und Belegzusendung jedoch frei

Das Fachbuch "Königsdisziplin Verkaufsförderung" ist vergriffen, letzte Originalexemplare können aber online über das Zentralverzeichnis des deutschsprachigen Buchhandels www.zvab.com oder bei www.amazon.de
bestellt werden (Eingabe Suchwort “Haisch, Verkaufsförderung”)

Edition 10-2009, 5.4

Noch immer geht die Meinung um, der Handel fühle sich erpresst, weil sich die Produzenten mit ihrer Werbung direkt an den Konsumenten/Kunden richten, ohne den Handel zu integrieren.  Der Vorwurf ist blauäugig, denn die Industrie versuchte den Handel erst ernsthaft zu umgehen, nachdem dieser sich sperrte und Verkaufsförderungsbemühungen des Produzenten als Einmischung ablehnte

Fachtext drei:


Der Laden ist das Medium

Zwischen dem Produzenten und dem Handel gibt es tatsächlich einen Interessengegensatz: Der Hersteller will die eigene Marke forcieren, während der (Detail- und Fach-) Handel aus solchen Verlagerungen meist keinen Vorteil zieht, denn nicht das einzelne Produkt liegt in seiner Verantwortung, sondern der Umsatz der ganzen Produktegruppe.  Zudem möchte er nicht von einem starken Produktezulieferer abhängig werden.

Dabei ist jedoch zu bedenken, dass echte, herkömmliche Marken überhaupt erst Voraussetzung für die Handelsmarken waren: Man lehnt sich an die Markenartikelwerbung an und behauptet, ebenso gut, aber preisgünstiger zu sein. Der Handel muss also auch deshalb an starken Marken interessiert bleiben und die spezifischen Hersteller nicht seinerseits ignorieren.

Jetzt zu den Zugangsschwierigkeiten der Produzenten und ihrer Werbeagenturen

beim Handel. Ist der freie Detail Handel tatsächlich ein "Stiefkind der

Werbung"? Naja, sicher. Aber was heisst das? Es heisst ganz einfach: Der

Laden ist das Medium. Daraus ergibt sich alles Weitere von selbst.

Vernünftiger Rausschmiss

Vor einem Vierteljahrhundert beschäftigte einer der grössten amerikanischen

Filialisten, Safeway, 14 Werbeagenturen, um seine Hausmarken in der

konzerneigenen Frauenzeitschrift "Family Circle" anzupreisen.

Und an einem schwarzen Tag erhielt der Werbeleiter bei Safeway den Befehl,

alle 14 Agenturen hinauszuschmeissen. Volkstrauer. Nur der Agenturchef mit

dem kleinsten Safeway-Budget beglückwünschte den Werbeleiter: "Ich finde den

Entschluss durchaus vernünftig. Die Anzeigen, die wir für Euch gemacht haben,

sind sehr gute Anzeigen. Aber in jedem einzigen Ihrer Geschäfte haben Sie

eine grössere Anzeige als Sie in irgendeinem Werbeträger je kaufen könnten:

Sie haben die Ware selbst. Man kann vorbeigehen, man kann sie sich ansehen,

sie ist dreidimensional und in herrlichem Technicolor. Sie können sie in die

Hand nehmen, sie fühlen. Sie können sie sogar kaufen. Dort, auf der Stelle.

Das ist die wertvollste Werbung, die Sie sich nur träumen lassen können. Und

wenn Sie mit dieser Zeitschrift, die Sie nur in Ihren Filialen verkaufen,

eine Auflage von fünf bis sechs Millionen erreichen, denken Sie doch an die

Zielgruppe, die die Zeitschrift nicht kauft. Diese Zielgruppe muss 50   60

Millionen betragen, und Sie haben sie vollkommen umsonst."
 
Das war lange her und in einem fernen Land. In den letzten paar Jahren ist

jedoch gerade im deutschsprachigen Raum eine ähnliche, aber neue Erkenntnis

im Werden, dass es nach einem nicht enden wollenden Ladensterben bald wieder

einmal so viele freie Detailhändler gibt, deren gebündeltes Umsatzvolumen

dann wieder so attraktiv sein wird wie ehedem.

Nun ja. Die gesunde Vernunft sowie selbst die primitivste Management

Wissenschaft lehren, dass wir uns auf die umsatzträchtigen Verteiler, die

Grossverteiler, konzentrieren und das berühmte "Kleinvieh" erst in zweiter

Linie berücksichtigen sollten.

Kreativität statt Ignoranz

Die beiden Begriffe bedürfen hier einer Definition. Man sollte vielleicht

lieber sagen, "Menschenkenntnis statt Verbrauchernormung". Die praktische

Kreativität ist schliesslich nur dann möglich, wenn wir wissen, mit wem wir

es zu tun haben. Und dieser Wer ist ja jemand, ob Würzburger Einkaufsvorstand

oder Tessiner Hausfrau - auf jeden Fall kein "Verbraucher", der bekanntlich

bloss dazu gut ist, unsere fantastischen Produkte zu verschlingen.

Die guten Köpfe bei den Grossverteilern sind in diesem Zusammenhang längst

wieder in den Bedienungsläden in der Schule - wie gibt sich ein Filialist als

Mensch anstatt als Institution?

Menschenkenntnis und das Schöpferische erfordern gleichermassen Fantasie und

Einfühlungsvermögen. Es ist die alte Geschichte: Ein Inserat, ein

Sonderangebot, überhaupt jede Animation, ist kein Schützenfest, sie ist eine

Angelpartie! Der Köder hängt nicht am Haken, sondern im Appetit der Forelle.

Auch hier möchte ich einer leider weitverbreiteten Vermutung meiner verehrten

Reklamekollegen entgegentreten, nämlich, dass man sich dank der Kreativität

den Achselschweiss ersparen kann. Ein Kreativdirektor brauche nicht zu

wissen, wie der Geldwechsler an der Kasse funktioniere, dafür habe er

(hoffentlich) seine Leute. In unserer Agentur und ein paar anderen hiess es

dagegen: Selbst ist der Mann.
 
Wir sind "die Leute". Ziehen Sie etwa Glacéhandschuhe zum Bau einer

Strandburg an? (Das ist doch die letzte Verquickung von Kreativität und

Handwerk.)

Schon lange betrübte es mich, auf Seminaren und Fortbildungskursen des

Handels kaum Lernwillige aus der Reklame anzutreffen. Aber dann sah ich einen

meiner Fachschüler Trödel auf einem Flohmarkt verscherbeln   ich engagierte

ihn auf der Stelle für meine Werbeagentur. (Soviel den Kopfjägern ins

Stammbuch.)

Das mit dem Achselschweiss (und den aufgekrempelten Aermeln und den

schmutzigen Händen) hat auch damit zu tun, dass Verkäuferhaltung

erfolgreicher ist statt Komplexe. (Letztere fasse ich gern als "Hermes

Komplex" zusammen: Man will einer der Götter sein und den Sterblichen

Segnungen und Gnadenakte zuteilen. Wobei daran zu erinnern ist, dass der

Götterbote auch der Patron der Diebe war. Vielleicht macht es dieser Konflikt

meinen Kollegen so schwer, sich als Verkäufer zu verstehen.)

Neben "Verkäuferhaltung statt Komplexe" geht es aber auch um "Fleiss statt

Routine". Ein Freund bat um Aufklärung, da er behauptete, die beiden seien in

der Branche meist gleichbedeutend. Es stimmt: Fleiss ist das falsche Wort. Es

ist eher Gewerbefleiss gemeint, also Erfindungsgeist: Nicht die Checkliste

abhaken, sondern Umweltfremdes, sprich: neue Aspekte des Alten suchen. Aber

wem sage ich das?

Angespornter Aussendienst

Dabei darf man allerdings nicht zu einem "E.T." von einem anderen Stern

werden: Ausgeflippte Kreative sind zwar mitunter unterhaltsam, aber nicht für

eine abendfüllende Vorstellung. (Jemand fragte während der Grossen Rezession:

"Und sagen Sie, Herr Artdirector, was haben Sie im wirklichen Leben

gemacht?").

Im wirklichen Leben haben wir Förderer unter den Werbern, wie gesagt, als

Wissensaufstockung statt Selbstzufriedenheit

Die Selbstzufriedenen, die es leider tatsächlich gibt, lassen sich mit der

Erkenntnis abspeisen, dass die Grossverteiler das Gros des Umsatzes bringen

und sehr mächtig und sehr eigenwillig sein. Vielleicht haben sie auch davon

Wind bekommen, dass heute die Grossverteiler die Markenartikler das Fürchten

lehren und nicht wie in idyllischen Nachkriegszeiten umgekehrt.
 
Dieses Wissen nun ist so unangreifbar und ungefähr auch so aktuell wie die

Grundsätze des verewigten Gottlieb Duttweiler. Aber das Unübersehbare, das

sich inzwischen getan hat, nimmt man lieber nicht zur Kenntnis. Und die

grosse Funktion der Werbeleute in diesem Umfeld wird gar nicht erst erkannt,

nämlich dass sie die Aussendienstler des Produzenten motivieren.

Hier richtet sich die berühmte "Reklame" erstens nach innen   an die eigenen

Leute. Sie richtet sich zweitens nach aussen   an den Handel, der das Gefühl

braucht (ob gerechtfertigt oder nicht, ist Nebensache), der Hersteller bringe

Kunden ins Haus, und tatsächlich richtet sie sich drittens und letztens an

den Endverbraucher. Wir Werber reden also vom Amtes wegen nicht nur zum

Fenster hinaus, sondern wir gehen gewissermassen auch nach hinten los.

Was die angesprochene vornehme Distanz betrifft, haben wir Nahkämpfer in den

letzten Jahren mit Genugtuung an der eigenen Haut erfahren, dass die

Grossverteiler nicht allein eigenes Marketing machen, sondern auch daraus

gelernt haben: Sie erkennen inzwischen, dass reiner Preiskampf nicht mehr

viel bringt. Die sogenannte Verbraucherin erwartet inzwischen überall

Sonderangebote - irgendwer machts immer irgendwo vorübergehend billiger. Vom

schädlichen Ruf dieser Art "Marketing" abgesehen: Keiner kann mehr auf die

Dauer der Billigste sein, weil es inzwischen jeder manchmal kann.

Das Ergebnis bei den Grossverteilern ist, dass sie zwar immer noch auf Preise

und Konditionen aus sind. Aber nicht nur darauf. Ihr neues Marketingwissen

hat ihnen gezeigt, dass jede Profilierung heute auf andere Mittel angewiesen

ist. (Da bieten sich Ansatzpunkte zu Partnerprogrammen.) Peter Kaufmanns

legendäre "Kauferlebnisse" bei Globus haben den Erfinder zwar nicht im Amt

halten können, und die Stapelwaren Regale mögen weniger aufregend als

Modeboutiquen sein, aber die Grundidee erweist sich immer mehr als

goldrichtig.

Waren als Teil der Kultur

Die englische Anthropologin Mary Douglas sagt in ihrem Buch "Die Welt der

Güter": "Anstatt anzunehmen, dass Güter vornehmlich dem Lebensunterhalt und

dem Wettstreit der Prahler dienen, unterstellen wir lieber, sie würden

benötigt, um die Kategorien der Kultur sichtbar und stabil werden zu lassen.

Jeder Ethnograph geht davon aus, dass alle materiellen Gegenstände des

Besitzes Träger gesellschaftlicher Bedeutung sind.
 
Der materielle Besitz eines Stammes gewährt Nahrung und Schutz und muss auch

so verstanden werden. Es ist aber ebenfalls offensichtlich, dass die Güter

einen weiteren wichtigen Nutzen bieten: sie errichten und unterhalten

gesellschaftliche Beziehungen. Dieser Ansatz zum Verstehen des materiellen

Aspektes von Dasein gewährt eine viel reichere Einsicht in gesellschaftliche

Bedeutungen als etwaiger nackter individueller Konkurrenzgeist ... Wenn es

heisst, die wesentliche Funktion der Sprache sei diejenige als "Träger der

Dichtung", wollen wir unterstellen, dass die Hauptaufgabe des Verbrauchs die

Fähigkeit ist, einen Sinn zu ergeben. Vergessen wir, dass Waren als Nahrung,

Bekleidung und Behausung dienen. Vergessen wir ihre Nützlichkeit und

probieren wir stattdessen die Vorstellung, dass Waren   Güter   der sichtbare

Teil der Kultur sind."

Sie sind daher auch ein Bestandteil jenes Vorgangs, den ich immer wieder gern

als "Animation" oder "Beseelung des Publikums" anspreche   etwas, wofür

"Marketing" nur ein schmutziges Fremdwort ist.

Wie gesagt, die besten Leute bei den Verteilern fangen an, dies einzusehen,

und es ist an uns von der Angebotsseite, sie nach Kräften dabei zu

unterstützen. Tun wir das richtig, so sind wir in den Konzernhochburgen gern

gesehen, können massgeschneiderte, abgestimmte Programme einbringen und

vielleicht sogar manchmal unser Zeugs in die Regale.
 
Was gibt es nun zu machen?

erstes den Aussendienst anzuspornen, und zwar nicht mit den üblichen

Traineraufrufen, sondern mit einem neuen Selbstverständnis. Das können wir

nur, wenn wir selber eines haben und für voll genommen werden. Wir müssen

also die Sprache des Verkäufers reden und nicht unser Reklameheinitum mittels

Reichweiten und Demoskopik spazierenführen. (Sagte die grosse britische

Oekonomin Robinson: "Der Nutzen eines nationalökonomischen Studiums liegt

nicht darin, fertige Lösungen zu erlernen, sondern darin, sich nicht von

Nationalökonomen hinters Licht führen zu lassen.")

Wir müssen als Fachleute auftreten. Nur um Himmelswillen nicht als

Werbefachleute.

Oder anders gesagt, nicht die Techniken müssen sich ändern, sondern die

Techniker.

Bisher habe ich nur von den Grossverteilern gesprochen, als meinte ich

wirklich mit einem mir bekannten Lästermaul, Kleinvieh mache nur Mist. Ganz,

ganz im Gegenteil.

Nicht, dass der freie Detailhandel im Marketingaufwand den Grossen ebenbürtig

wäre. Aber gerade das bietet Werbern und Förderern und Schmutzhändlern die

ersehnte Gelegenheit, das Wissen und Können loszuwerden, das die

Grossverteiler jetzt intern entwickeln. Es ist ja inzwischen Allgemeingut,

dass immer mehr grosse Konzerne von ihren Werbeagenturen nur noch die

(klassische) Werbung haben wollen, wogegen sie eigentlich ganz gerne auch

handelsspezifische Verkaufsförderung hätten und wogegen die Kleinen auch weiterhin auf Marketinghilfe angewiesen bleiben.

Kleinheit als Chance für beide

Für die Werber, Kleine im Vertriebsprozess, bietet der freie Detailhandel

ausserdem die allerbeste Schulungsmöglichkeit für den ein wenig papieren

gewordenen Nachwuchs! Tante Emma und Juniorberater Luginbühl sind einander

ohne weiteres zuzumuten, gegenseitig echt nützlich, und hoffentlich vergisst

Herr Etatdirektor Luginbühl ein halbes Menschenalter später nicht, was er

einst bei der Tante an Erkenntnissen gewonnen hat. (Das nur nebenbei.) Die

Bedeutung der Kleinen für Produzenten und Werber ist vornehmlich eine andere:

Sie bilden ein wichtiges Medium, das sich nicht mit Grossverteilern deckt.

Jeder weiss, dass früher klein und gross wahllos mit Displays und dergleichen

eingedeckt wurden, einerlei, ob vielleicht eine Verwendungsmöglichkeit

bestand. Heute meinen die Produzenten, bei den sonstigen hohen

Vertriebskosten könnten sie sich zum Beipiel keine Zweitplazierung für den

freien Detailhandel mehr leisten.
 
Der Detailhandel meint ebenfalls, sich keine Zweitplazierung erlauben zu

können, eben weil er keine Filialistenumsätze vorzuweisen hat. Am Ende meint

er überhaupt, wie Kleinvieh behandelt zu werden.

Da wär's an den Werbern, Abhilfe zu schaffen. Denn die kleineren Läden des

freien Detailhandels sind nicht nur fünfmal so zahlreich wie die der

Filialisten, sie stehen oft günstiger, haben mehr Persönlichkeit, mehr

bodenständige Geschichte und sind nicht durch ein ausuferndes Sortiment

überflutet. Ja manche haben sogar noch Schaufenster! Und wenn dann jemand

kommt und Sinnvolles für Fenster und Laden anbietet, ist dieser Einzelhändler

manchmal direkt dankbar.

Alles, was als Dienstleistung und nicht als Promotionsrummel empfunden wird

und nicht nur den Werbern gefällt, sondern auch dem Detaillisten nützt,

findet besonders im kleinsten Laden freudige Aufnahme.